Ende des Sommers 2011 hatte es dieses kleine unbotmäßige Blog gewagt, dem Verteidigungsministerium, hier dem Presse- und Informationsstab, ein paar Fragen zu den von der Bundeswehr unterstützten Jugendpressekongressen zu stellen. Zur Erinnerung: Das waren die Propagandaveranstaltungen, bei denen ein Berliner Unternehmen, die Young Leaders GmbH, vom Ministerium damit beauftragt wurde, junge Journalisten einzuseifen. Bis zum Sommer dieses Jahres wurde dabei glatt übersehen, dass die Bundeswehr auf den Unterlagen der Kongresse nicht explizit als Veranstalter auftauchte. (Ein bisschen erinnert diese Geschichte an das Video für den YouTube-Kanal der Bundesregierung, bei dem - Ooops - übersehen bzw. überhört wurde, dass bei den vielen Bildern und der vielen Musike, gar kein Wort zu hören war).
Wie dem auch sei, die Fragen, die ich dem ehrwürdigen Hause stellte, wurden - wir erinnern uns, das Ministerium spricht nicht mit Bloggern - so kurz wie nichtssagend durch den InfoService Bürgeranfragen “beantwortet.” Ich hatte damals unter anderem die Hoffnung ausgedrückt, “eine Institution, gegenüber der die Bundeswehr auskunftpflichtig ist, nimmt sich der Sache an, und stellt die gebotene Transparenz her.” Das ist inzwischen geschehen. Am 19. Oktober stellten Abgeordnete - inlusive des von mir nun gar nicht wohlgelittenen Abgeordneten Arnold - und die Fraktion der SPD eine Antwort Bundesregierung aus kleine Anfrage zu Jugendpressekongressen der Bundeswehr. Zwar bleiben auch hier einige kritische Punkte unklar bzw. werden wie die Frage nach der Dokumentation und Evaluation sowie der Mitwirkung von Journalisten, die auch für öffentlich-rechtliche Sender arbeiten, nicht oder asuweichend beantwortet, aber es bleibt zu hoffen, dass man nun im Ministerium bei diesen Veranstaltungen etwas genauer hinschaut. Und es ist gut, zu erfahren, dass Abgeordnete des Bundestages Impulse von Bürgern aufnehmen und nicht, wie das Verteidigungsministerium, durch einen “InfoService” nicht beantworten lassen.
Eins vorweg: Vertrauenswürdige Kreise wissen zu berichten, dass die Bundeswehr als solche kein Nachwuchsproblem hat. In sämtlichen Laufbahnen gäbe es quantitativ und qualitativ ausreichend Bewerber - bis auf eine Ausnahme: den freiwilligen Wehrdienst. Wenn man nun beispielsweise anhand von Musikvideoas kontrovers über das mediale Abbild der Bundeswehr diskutiert, die vermeintlich um Nachwuchs werben sollen, ist das Problem ein anderes, nämlich die Werbung selbst.
Vor den Fakten meine Meinung: Statt eines NACHWUCHSwerbeproblems hat die Bundeswehr vor allem ein NachwuchsWERBEproblem. Will sagen: Jungen Menschen bewerben sich TROTZ der aktuellen werblichen Anstrengungen bei der Bundeswehr. Der Dienst ist so attraktiv, dass selbst Werber, die meinen, man können den Soldatenberuf wie Schokoriegel verkaufen und dilettantische Spots zusammenzimmern, den Nachwuchs nicht davon abhalten können, den Weg in die Kreiswehrersatzämter und Zentren für Nachwuchsgewinnung zu gehen.
So unwirksam und unwichtig die Werbung aber auch ist, sie findet statt und kostet Geld, also könnte man sie auch gut machen. Weil das aber nicht nur über Geschmack entscheidbar, gleichzeitig die Entscheider, die für die Nachwuchswerbung verantwortlich sind, für ihre Aufgaben aber nicht hinreichend qualifiziert scheinen (gemessen an dem, was für Steuergelder produziert und gesendet werden darf), ist es gut, wenn jemand sich darum bemüht, eine objektive Bewertungsgrundlage zu schaffen.
Dieser Aufgabe hat sich Mitte dieses Jahre eine Gruppe junger Studierender an der Technischen Universität Dresden angenommen. Nadja Hoffmann, Anika Peucker, Max Wiedemann und Pascal Ziehm haben in einer Online-Erhebung fast 700 Teilnehmer zu den personalwerblichen Maßnahmen der Bundeswehr befragt. “Die Reform als Chance? – Eine kommunikationswissenschaftliche Evaluation ausgewählter Werbemittel der Personalmarketing-Kampagne der Bundeswehr” haben sie ihre Studie genannt. Diese ist im besten Sinne eine Nachwuchsarbeit, denn sie ist eine der wenigen aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich der Nachwuchswerbung widmen und sie ist gemacht von Nachwuchswissenschaftlern. Das macht sich unter anderem daran bemerkbar, dass der strategische Überblick an manchen Stellen fehlt, stattdessen aber die Forscher akribisch die Daten, scheinar um zu beweisen, dass sie methodisch sauber arbeiten. Das wiederum ist in Zeiten, wo sich so mancher etwas großzügiger arbeitende Politiker um Kopf und Kragen plagiiert, erfreulich und sorgt dafür, dass die Ergebnisse auch einer gründlichen Kritik Stand halten.
Aber was sind nun die Ergebnisse? Ist die Werbung gut oder schlecht? So leicht ist das nicht zu sagen. Wir sind ja wissenschaftlich unterwegs. Dennoch werden Tendenzen deutlich. Und die sind für die Bundeswehr durchaus erfreulich. Obwohl die Untersuchung unter anderem die Werbemittel der Personalwerbung (Radiospots und Videospot samt zugehöriger Slogan) mit denen der aktuellen Imagekampagne “Wir.Dienen.Deutschland.” vergleicht, ist bemerkenswert, dass die in-house erdachten Maßnahmen deutlich besser bewertet werden, als die durch die vermeintlichen Werbeprofis verantworteten aus dem Hause Zenith Optimedia (a.k.a. “Soldaten sind Schokolade-Werber”).
Wer nun sagt, das hieße Äpfel mit Birnen zu vergleichen, hat nicht ganz unrecht, wenn man es aus der Perspektive der Absender und deren Intention betrachtet. Der methodische Ansatz, der dies heilen kann (und den die Dresdner Kollegen leider nicht genutzt haben), ist, die Kommunikation der Bundeswehr konsequent aus Sicht des Publikums zu betrachten. Und diesem Publikum ist es relativ gleichgültig, ob der Absender meint, er können zwischen einzeln Maßnahmen differenzieren. Im Gegenteil: nicht der Absender integriert heute die Kommunkation, sondern der Empfänger. Will heißen: Jede mediale Repräsentation der Bundeswehr wirkt immer aus personalwerblich, ganz gleich ob es ein Dokumentarfilm, eine Werbespot, eine fiktionale Tatort-Folge oder eine unglaublich intensive und bewegende Interview-Serie in der Zeit ist.
Dazu, wie solche Repräsentationen wissenschaftlich erfasst und bewertet werden können, liefert die Arbeit der jungen Dresdner eine hervorragende Grundlage. Das Forschungsdesign lässt sich beliebig auf werbliche wie redaktionelle Inhalte anwenden und ist leicht skalierbar. Es wäre erfreulich, wenn sich die verantwortlichen Stellen der Bundeswehr, dieser Thematik und Methodik annähmen und die begonnene Arbeit auf größerer Ebene fortsetzten.
Eine brillante Antwort auf diese Frage hat Peter van Uhm, der Oberkommandierende der niederländischen Streitkräfte, auf der TEDx-Konferenz in Amsterdam gefunden. Man kann diesen Auftritt, auf den Thomas Wiegold mich aufmerksam gemacht hat, getrost als eine Sternstunde strategischer Kommunikation bezeichnen. Die Inszenierung ist perfekt, der Inhalt überzeugend, mithin in Deutschland quasi undenkbar. Ein bei allem Pathos für mich wesentliches Element dieser Rede ist jedoch, dass ich keine Sekunde daran zweifeln muß, dass van Uhm seine Waffe jederzeit in den Dienst des Volkes, also einer zivilen Instution stellen wird. Das ist es, was den modernen Soldaten auszeichnet.
Martin Kisza, Student an der Hochschule Mittweida, hat unter dem Titel “Jede Armess ist cooler als die Bundeswehr” einen lesenswerten Kommentar zur Debatte um das Bundeswehr-YouTube-Werbevideo verfasst. Nun geht es als Soldat und Krieger zwar nicht darum, besonders cool zu sein, sondern um einen ernsthaften, anspruchsvollen Beruf. Bei dessen Medialisierung hingegen, ist ein gewisser Coolness-Faktor zielführend, denn es ist ein hoch-emotionaler Beruf. Filme, die für diesen Beruf werben, müssen also nicht zeigen, wie er ist, sondern, wie er sich anfühlt. Von diesen Filmen hat Kisza ein paar recherchiert, sie aber leider nicht in seinen Blog eingebunden, weshalb ich das hier im folgenden tue. Vielleicht ergibt sich daraus ja auch eine kuratierte Hitparade auf YouTube. Mein Favorit ist der Clip des französischen Heeres (der auch den Einsatz im Innern zeigt, den ich in Deutschland für falsch halte). Aber nun, Film ab!:
“Als Streisand-Effekt wird bezeichnet, wenn durch den Versuch, eine Information zu unterdrücken, genau das Gegenteil erreicht wird, nämlich die Information besonders bekannt gemacht wird.” (Quelle: Wikipedia)
“Als Arnold-Malczak-Effekt wird der Versuch bezeichnet, durch falsche Tatsachenbehauptungen die Depublikation eines Bundeswehr-Werbefilmchens zu unterdrücken erwirken und genau das Gegenteil zu erreichen.” (Quelle: Eigene Erhebungen)
Vergleicht man die Statistik der meistgesehenen Videos auf dem offiziellen YouTube-Kanal der Bundeswehr mit den Aufrufen des von den beiden Bundestagsabgeordneten kritisierten Videos, belegt dieses in der aktuellen Hitparade mit kumuliert fast 90.000 Aufrufen (Stand 21.11.2011) Rang 5. Nicht schlecht für ein etwas lieblos aus Archivmaterial zusammengeschnittenes Musikvideo.
Darüber, wie sich das Video verbreitet hat, gibt die folgende Statistik des am weitesten verbreiteten Uploads Auskunft (Dank an Leser Michael). Interessant ist daran neben der hohen Verbreitung über die Online-Medien, die inhaltlich mehrheitlich der Skandalisierung durch die Kritiker folgten, auch der hohe Anteil mobiler Zugriffe (>6.000):
Angesichts der aufgeregte Diskussion über ein schnell und billig produziertes Werbefilmchen der Bundeswehr ist ein Aspekt bislang nur wenig thematisiert worden: Professionelle Anforderungen an das Handwerk der Medienproduktion. Zum Vergleich ein aktueller Werbefilm der US Army:
Was diesen Film auszeichnet ist eine klare Storyline, handwerklich perfekt erzählt. Was er ausblendet ist die Einsatzrealität. Das ist erlaubt, denn es ist Werbung. Aber der Film steht in einem Gesamtkontext der Kommunikation der US-amerikanischen Streitkräte, die diese Realität bewusst zeigt und mit dieser Medialisierung des Militärischen sowohl Anerkennung für soldatische Leistungen transportiert, als auch eine kritische Diskussion über den Einsatz des Militärs möglich macht.
Und ja, das kostet Geld, das kostet Mühe, und es verlangt als Fundament eine Kommunikationsstrategie, die nicht beim ersten lauen Lüftchen zusammenbricht.
100 Sekunden reichen, um Politik, Medien und einen kleinen Teil der Gesellschaft in Aufregung zu versetzen. Grund genug, sich dem Objekt, an dem sich eine heftige Debatte entzündet hat - ein Musikvideo der Bundeswehr - einmal “sina ira et studio” (ohne Zorn und Mühe) zu nähern. Das Video dürfte den Leserinnen und Lesern dieses Blogs hinreichend bekannt sein. Wem nicht, der kann es sich hier ansehen:
Die folgende Auseinandersetzung wird sich mit den folgenden Aspekten befassen:
- Stellungnahme des Verteidigungspolitischen Sprechers der SPD-Bundestagsfraktion Rainer Arnold
- Stellungnahme der Sprecherin für Abrüstungspolitik Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Grüne, Agnieszka Malczak
- Stellungnahme des Bundesministeriums der Verteidigung
- Handeln des Bundespresseamtes
- Handwerkliche Qualität des Videos und Handeln des Bundesministeriums der Verteidigung
- Mediale Rezeption der Auseinandersetzung und insbesondere journalistisches Qualitätsverständnis
Als Methoden kommen eine qualitative Kommentierung der Originaltexte - soweit verfügbar - sowie eine Einschätzuung auf langjähriger medienpraktischer Erfahrung des Autors zum Einsatz.
1. Stellungnahme Arnold
Neuer Werbespot der Bundeswehr – gewaltverherrlichend und geschmacklos
Zu dem auf YouTube unter Bundeswehr. Online neu eingestellten Werbespot des Bundesministers der Verteidigung
(Falsche Tatsachenbehauptung. Der Spot wurde auf dem YouTube-Kanal der Bundesregierung veröffentlicht) erklärt der Verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Rainer Arnold: Der neue Werbespot zur Gewinnung von Nachwuchspersonal (Falsche Tatsachenbehauptung. Der Spot ist ein Instrument, um den YouTube-Kanal der Bundeswehr zu bewerben, was unter anderem daran deutlich wird, das am Ende des Spots der URL dieses Kanals eingeblendet wird. Es erfolgt weder ein Verweis auf Karriermöglichkeiten noch eine Aufforderung an potentielles Nachwuchspotential, sich über diese zu informieren.) schadet massiv dem Ansehen und dem guten Ruf der Bundeswehr. (Zulässige, dennoch unbegründete Meinungsäußerung. Inwiefern können Videobilder, die im vom Parlament getragenen und kontrollierten Dienstalltag der Bundeswehr erstellt wurden, dem Ansehen und dem guten Ruf der Bundeswehr schaden?)
Es wird eine Klientel angesprochen, die anfällig für Gewaltbereitschaft ist, und sich nicht um die besondere Bedeutung der Bundeswehr in der Gesellschaft kümmert. (Falsche Tatsachenbehauptung. Der Spot zeigt explizit keinerlei unmittelbare Gewaltanwendung, insbesondere keine Opfer von Gewalt, sondern ausschließlich Aufnahmen aus vom Bundestag mandatierten Einsätzen bzw. dem Übungsbetrieb der Bundeswehr. Im Übrigen stellt der perjorative Gebrauch des Begriffs “Klientel” eine Beleidigung von Teilen des Publikums dar, das sich in dem Spot wiederfindet.)
Die musikalische Einbettung der Nationalhymne in Heavy-Metall-Rhythmen begleitet vom Abschuss von Raketen und dem Einschlag detonierender Bomben bei Sirenengeheul ist gewaltverherrlichend, geschmacklos und so nicht hinnehmbar. (Zulässige, aber abwegige Meinungsäußerung. Der Abschuß von Raketen sowie Detonationen von Bomben, die im Übungsbetrieb bzw. im Einsatz aufgenommen wurden, sind nicht gewaltverherrlichend, insbesondere weil keine Opfer und vor allem keine Protagonisten gezeigt werden, die den Einsatz von Gewalt als Triumph empfinden.)
Mit der Freigabe dieses Werbespots verstößt der Verteidigungsminister massiv gegen seine Pflichten als Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt über die Streitkräfte. Das von ihm auch stets öffentlich proklamierte Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein von Soldatinnen und Soldaten bei der Ausübung ihrer schwierigen Einsätze wird mit Füßen getreten. Die Glaubwürdigkeit des von ihm kreierten Wahlspruches “Wir.Dienen.Deutschland.” wird durch diesen Werbespot ad absurdum geführt.
(Falsche Tatsachenbehauptungen. Gemäß der Geschäftsordnung des BMVg ist der Bundesminister der Verteidigung nicht für die Freigabe von Werbespots verantwortlich. In einer modernen Armee gilt darüber hinaus ein arbeitsteiliges Prinzip, das Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Verantwortung für Entscheidungen überträgt. Der Werbespot führt den Wahlspruch “Wir.Dienen.Deutschand.” nicht ad absurdum, sondern verdichtet ihn im Gegenteil in einer vor allem für ein junges Publikum attraktiven Weise.) Der Verteidigungsminister wird aufgefordert, diesen Werbespot unverzüglich aus dem Netz zu nehmen und sich bei weiteren Werbemaßnahmen darauf zu besinnen, welche Verantwortung unser Staat bei der Rekrutierung junger Frauen und Männer übernimmt. Für die jungen Frauen und Männer, die sich ernsthaft damit beschäftigen, in die Bundeswehr einzutreten, muss dieser Werbespot abstoßend wirken.
(Falsche Tatsachenbehauptung. Der Spot wirkt nicht abstoßend auf junge Frauen und Männer, die sich ernsthaft damit beschäftigen, in die Bundeswehr einzutreten, was unter anderem dadurch dokumentiert ist, dass junge Frauen und Männer, die bereits in der Bundeswehr dienen, den Spot positiv bewerten. Darüber hinaus hat eine aktuelle Untersuchung des Unternehmens TNS Emnid im Auftrag der Bundeswehr ergeben, dass dieses Publikum sich dynamerischere und realistischere Bilder aus der Bundeswehr wünscht.)
Zusammenfassende Bewertung: Rainer Arnold stellt wiederholt falsche Tatsachenbehauptungen auf und verdreht in propagandistischer Absicht die Fakten. Arnold versucht mit diese Stellungnahme die Öffentlichkeit zu täuschen. Darüber hinaus dokumentiert die Stellungnahme mehrfach mangelnde Sachkenntnis.
2. Stellungnahme Malczak
Dienst bei der Bundeswehr als Ballerspiel: Öffentlichkeitsarbeit ohne jedes Augenmaß
Zum veröffentlichten YouTube-Video der Bundesregierung “Die Bundeswehr online” erklärt Agnieszka Malczak, Sprecherin für Abrüstungspolitik:
Wir sind entsetzt über diese Öffentlichkeitsarbeit der Bundesregierung. Dieses Video stellt eine Verherrlichung militärischer Gewalt und kriegerischer Auseinandersetzungen dar. Bilder und Musik gleichen teilweise einem Ego-Shooter und entwerfen so ein Zerrbild des Dienstes bei der Bundeswehr.
(Falsche Tatsachenbehauptung. Das Video stellt keine Verherrlichung militärischer Gewalt und kriegerischer Auseinandersetzungen dar, sondern zeigt im Gegenteil ausschließlich Bilder aus Übungen und Einsätzen der Bundeswehr, die schon deshalb kein Zerrbild des Dienstes bei der Bundeswehr zeigen können. Bilder und Musik gleichen genau nicht einem Ego-Shooter. Solche Bilder zeichen sich, wie der Name schon sagt, durch die Ich-Perspektive aus. Diese Bilder lassen sich u.a. durch den Einsatz so genannter Helmkameras erzeugen. Entsprechende Bilder kommen im Video nicht zum Einsatz.)
Besonders die Untermalung einer Bombendetonation mit der Nationalhymne lässt jede politische und historische Sensibilität vermissen.
(Falsche Tatsachenbehauptung. An keiner Stelle des Videos ist eine Bombendetonation durch die Nationalhymne untermalt. Im Gegenteil. In Sekunde 57 des Videos, die explizit keine Bombendetonation, sondern die Explosion vermutlich einer Übungsgranate bzw. einer kleinen Übungssprengladung zeigt, endet die Nationalhymne und es erfolgt ein Schnitt auf Soldaten in einer Übung. Damit dokumentiert der Schnitt das real existierende Spannungverhältnis zwischen ihrem friedlichen Heimatland (Deutschland-Nationalhymne) sowie den Szenarien auf die sie sich wegen politischer Entscheidungen vorbereiten müssen.)
Dieses Video passt so gar nicht zu den Ankündigungen der Bundesregierung, dass die laufenden Bundeswehreinsätze zur Schaffung von Stabilität und Frieden beitragen sollen. Nach der Aussetzung der Wehrpflicht stellt sich jetzt die Frage, wer sich künftig für einen Dienst bei der Bundeswehr entscheidet. Dieses Video spricht hier sicherlich nicht die gewünschte Zielgruppe an.
(Falsche Tatsachenbehauptung. In den laufenden Bundeswehreinsätzen muss die Bundeswehr Gewalt einsetzen, um zur Schaffung von Stabilität und Frieden beizutragen. Ob dies grundsätzlich richtig ist, ist sicher diskutierenswert, aber hier fehl am Platz. Darüber hinaus wirkt der Spot nicht abstoßend auf die gewünschte Zielgruppe, was unter anderem dadurch dokumentiert ist, dass junge Frauen und Männer, die bereits in der Bundeswehr dienen, den Spot positiv bewerten. Darüber hinaus hat eine aktuelle Untersuchung des Unternehmens TNS Emnid im Auftrag der Bundeswehr ergeben, dass dieses Publikum sich dynamischere und realistischere Bilder aus der Bundeswehr wünscht.)
Wir fordern die Bundesregierung auf, in der Öffentlichkeitsarbeit für die Bundeswehr auf gewaltverherrlichende Darstellungen zu verzichten. Die Außenkommunikation der Bundeswehr muss stattdessen durch Sachlichkeit, Transparenz und Ehrlichkeit gekennzeichnet sein.
(Falsche Tatsachenbehauptung und nicht zu erfüllende Forderung. Das Video ist nicht gewaltverherrlichend, s.o. Die Forderung nach Sachlichkeit, Transparenz und Ehrlichkeit in der Außenkommunikation ist unerfüllbar, denn:
- Innen- und Außenkommunikation sind in einer durch das Internet vernetzten Gesellschaft de facto nicht mehr zu trennen
- Der Beruf des Soldaten ist hochemotional, denn er verlangt von Soldatinnen und Soldaten die Bereitschaft, ihr Leben einzusetzen. Eine sachliche Darstellung kann dem nicht gerecht werden. Die Forderungen nach Transparenz und Ehrlichkeit erfüllt der gezeigte Spot, denn er zeigt auschließlich Bilder aus dem Dienstbetrieb der Bundeswehr.)
Zusammenfassende Bewertung: Agnieszka Malczak stellt wiederholt falsche Tatsachenbehauptungen auf und verdreht in propagandistischer Absicht die Fakten. Sie versucht mit diese Stellungnahme die Öffentlichkeit zu täuschen und formuliert zudem unerfüllbare, nicht sachgerechte Forderungen an die Kommunikation der Bundeswehr.
3. Stellungnahme des Bundesministeriums der Verteidigung
Von Seiten des BMVg ist unter anderem die folgende Stellungnahme in den Stuttgarter Nachrichten dokumentiert:
“Der Videoclip stellt ein umfassendes, realistisches und vor allem transparentes Bild über den Alltag und die Einsatzwirklichkeit unserer Soldatinnen und Soldaten dar. Mit schnellen Schnittfolgen und moderner Musik entspricht der Beitrag dem Stil zeitgemäßer You-Tube-Clips.”
Die Stellungnahme ist sachgerecht und zweckmäßig.
4. Handeln des Bundespresseamtes
Das Bundespresseamt hat sich entschieden diesen Spot auf dem YouTube-Kanal der Bundesregierung zu veröffentlichen. Diese Entscheidung erscheint - vor allem im Nachhinein - nicht sachgerecht, denn mit dem Spot “Wir.Dienen.Deutschland.” hätte ein weniger polarisierendes Video zur Verfügung gestanden, das ein breiteres Publikum anspricht. Die Depublizierung des Videos auf dem YouTube-Kanals der Bundesregierung angesichts der heftigen, wenn auch unsachlichen, Kritik ist nachvollziehbar. Eine komplette Entfernung des Videos auch aus dem YouTube-Kanal der Bundeswehr ist dagegen nicht nachvollziehbar.
Update: Inzwischen gibt es eine Stellungnahme des Bundespresseamtes. Diese ist in sich schlüssig, liefert aber eine abwegige und unglaubwürdige Begründung. So lange die Konsistenz gewahrt bleibt, ist das eine herkömmliche PR-Taktik, die darauf abzielt, dass das Thema versandet, was im vorliegenden Fall - zu Recht - bald passieren dürfte.
5. Handwerkliche Qualität des Videos und Handeln des Bundesministeriums der Verteidigung
Das Video entspricht qualitativ einem Niveau, das man von Auszubildenden zum Mediengestalter Bild und Ton etwa im 2. Lehrjahr erwarten kann. Der Schnitt auf Musik entspricht nicht an allen Stellen dem Takt und begünstigt bei Sekunde 57 sogar eine Fehlinterpretation. Hier hat der Bearbeiter den Effekt über den Inhalt gestellt. Ein weiterer handwerklicher Mangel ist die fehlende Einbindung des Links auf den YouTube-Kanal der Bundeswehr. Diesen habe ich in der wiederhergestellten Fassung mit Hilfe des YouTube-Editors eingefügt.
Aus der Perspektive eines modernen, aufgeklärten Kommunikationsmanagement ist festzuhalten, dass die Entscheidung, zum wiederholten Male identisches Archivmaterial einzusetzen, und dann auch noch solches, das kurz zuvor für einen Spot zum neuen Selbstverständnis der Bundeswehr verwendet wurde, nicht sachgerecht ist. Im Gegenteil: Dadurch nutzen sich solche Bilder ab und werden langfristig unglaubwürdig. Die Bundeswehr wäre gut beraten, solche Mehrfachnutzungen zu minimieren und stattdessen deutlich mehr Originalmaterial gezielt zu bestimmten Zwecken zu produzieren.
6. Mediale Rezeption der Auseinandersetzung und insbesondere journalistisches Qualitätsverständnis
Die online verfügbare Berichterstattung über das Video wird von einer unreflektierten Übernahme der Erklärungen von Arnold und Malcak geprägt. Trotz wiederholter falscher Tatsachenbehauptungen gelingt es den beiden Politikern ein strategisches Narrativ zu etablieren, bei dem der Begriff “Gewaltverherrlichung” eine zentrale Rolle spielt. Eine fundierte Auseinandersetzung mit demVideo selbst erfolgt kaum. Damit unterstreicht die Berichterstattung die Befunde verschiedener wissenschaftlicherUntersuchungen, die als Ursachen für mangelnde journalistische Qualität unter anderem fehlende Sachkompetenz, hohe Selbstreferenz, Zeitdruck und Personalmangel nennen.
Update: Die Bearbeitung des Themas durch die Medien Spiegel Online und stern.de folgt einer herkömmlichen Skandalisierungslogik, die losgelöst vom eigentlichen Gegenstand die darauf aufbauende Kontroverse zum Zentrum macht. Dabei zeigt sich unter anderem die Wirksamkeit der durch die beiden Oppositionspolitiker gewählten Strategie, deren Täuschungsversuche damit als erfolgreich zu bewerten sind.
Und der Sex? Der passte so schön in die Überschrift.
Das Internet vergisst nichts, in diesem Fall der Google-Cache. Nach reiflicher Überlegung und einem “Hausfrauencheck” mit meiner weitaus besseren Hälfte, sehe ich es als meine staatsbürgerliche Pflicht an, den Diskussionsgegenstand allen Interesierten verfügbar zu machen, verbunden mit der Bitte, dem Internet zu helfen, dieses Video nicht wieder zu vergessen.