Archive for the ‘Allgemein’ Category

Wünschenswerte Wirklichkeiten

Donnerstag, November 17th, 2011

Hurra, ein Skandal. Davon will auch noch schnell das Bendler-Blog profitieren. Worum geht es? Die Bundesregierung hat ein Video auf ihrem YouTube-Kanal veröffentlicht, das die Bundeswehr zum Thema hat, und das bereits bei Thomas Wiegold heftig diskutiert wird.

Mir kommen das Video und die Bilder sehr bekannt vor. Kein Wunder, denn es besteht aus teilweise sehr altem Archivmaterial. Zur Skandalisierung taugt es aber allemal. So äußert sich Agnieszka Malczak, Sprecherin für Abrüstungspolitik der Bundestagsfraktion der Bündnis90/Grünen entsetzt, weil das Video “eine Verherrlichung militärischer Gewalt und kriegerischer Auseinandersetzungen” darstelle. Gleichzeitig fordert sie - und das ist eine wirklich interessante Formulierung -, dass “die Bundesregierung (…), in der Öffentlichkeitsarbeit für die Bundeswehr auf gewaltverherrlichende Darstellungen (…) verzichtet” UND “(d)ie Außenkommunikation der Bundeswehr (…) stattdessen durch Sachlichkeit, Transparenz und Ehrlichkeit gekennzeichnet sein (solle).”

Das, liebe Frau Malczak, ist nicht nur Pippi-Langstrumpf-Politik, sondern im Kern eine Aufforderung zur Täuschung, wenn nicht gar zur Lüge. Wir kennen das aus der PR-Arbeit, die man auch als Konstruktion wünschenswerter Wirklichkeiten bezeichnen kann. Pippi sang dazu: “Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.”

Sie, Frau Malczak, fordern Ehrlichkeit. Ich frage mich, ob Sie damit umgehen könnten, denn die Einsatzrealität der Bundeswehr ist gewalttätiger, als Sie es sich vorstellen können und die im Video gezeigten Ausschnitte sind nicht gewaltverherrlichend, sondern ein dringend gebotener Einblick in diese Realität. Oder wie es Jack Nicholson in der Rolle des Colonel Jessup so schön sagt: “You can´t handle the truth!”

Und hier die deutsche Synchronübersetzung (Danke, Josef):

Update: Wie es aussieht, hat die Bundesregierung auf die Kritik reagiert und das Video depubliziert. Ich halte die Entscheidung für politisch angemessen. Allerdings war dann die Entscheidung, das Video zu publizieren, falsch, denn wenn man weder eine Begründung noch das Rückgrat hat, dafür einzustehen, sollte man die Außenkommunikatioon lieber ganz einstellen.

Medienpraktisch interesant ist, dass es nur eines anderen Schnittes und einer anderen Musik bedurfte, um aus dem  folgend eingebundenen Video ein “gewaltverherrlichendes” zu machen, bzw. eines, dass es Politikern der Opposition erlaubt, diesen Vorwurf konstruieren zu können. Übrigens Vertretern zweier Parteien, die deutschen Soldatinnen und Soldaten das Mandat erteilt haben, Deutschlands Freiheit am Hindukusch zu verteidigen.

Persönliche Kommunikation aus dem Einsatz - Was muß besser werden?

Donnerstag, November 10th, 2011

Wir haben hier im Blog bereits öfters die Frage diskutiert, wie es um die Kommunikationsmöglichkeiten der Soldatinnen und Soldaten mit der Heimat bestellt ist. Vor allem im Vergleich zu anderen NATO-Nationen, allen vorweg den USA, ist die Telekommunikationsausstattung deutscher Truppen quasi traditionell schlechter. Während in der kommenden Vorweihnachtszeit die Feldpost vermutlich einen neuen Transportrekord aufstellen wird - danke dafür -, hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die elektronische Bandbreite der Bundeswehr nach wie vor eher der eines analogen Modems entspricht.

Ist das so? Ist das überall so? Wo ist es gut? Wo nicht? Was braucht Ihr im Einsatz? (Und was nicht).

Um diese und andere Fragen zu klären, hat sich im Bundestag eine interfraktionelle Arbeitsgruppe - es geht also mal nicht um Parteipolitik - gegründet, die Vorschläge zur Verbesserung der Kommunikation aus dem Einsatz erarbeiten soll.

Der SPD-Abgeornete Lars Klingbeill sammelt Eure Vorschläge auf seinem Blog. Alternativ könnt Ihr auch hier kommentieren oder dem Büro von Lars Klingbeil eine Mail schicken: lars.klingbeil@bundestag.de.

Also: Wie können die Kommunikationsmöglichkeiten (per Telefon, Skype, Internet, etc.) verbessert werden? Welche konkreten Änderungen sind dringend notwendig?

Danke für die Unterstützung.

Informations- und Medienzentrale nach Berlin

Dienstag, November 8th, 2011

An Propaganda in eigener Sache hat  sich unlängst die Informations- und Medienzentrale der Bundeswehr (IMZBw) in St. Augustin versucht. Das ist, wie mir scheint, gründlich misslungen. Der einzige überzeugende Protagonist des Beitrages (gefunden via Soldatenglück) der Lokalzeit Bonn ist Oberst Klaus Bücklein.  Die Zuschauer dürften ihm abnehmen, dass er ersthaft an die Aufgabe herangehen wird, die IMZBw nach Berlin umzuziehen und die Belange der Mitarbeiter zu berücksichtigen. Von denen kommen auch einige im Bericht zu Wort, und man wünscht sich, sie hätten besser geschwiegen - wie man sich im Übrigen auch wünscht, der Redakteur des WDR hätte sich nur halb so dumm gestellt.

Um nur einige Punkte zu nennen:

- Es ist nicht unverständlich, sondern sehr plausibel, dass die Medienzentrale der Bundeswehr zukünftig dort sein wird, wo die relevanten Entscheidungen fallen.
- Gute Medienarbeit ist keine Frage der Infrastruktur, sondern der intellektuellen und handwerklichen Fähig- und Fertigkeiten
- Die Investitionen sind keineswegs verloren. Die Fernsehtechnik wird - so nicht veraltet - einfach umziehen, die Immobilie verwertet
- Die IMZBw hätte in den vergangenen Jahren ausreichend Gelegenheit gehabt, zu zeigen, dass sie qualitativ überragend ist. Das wäre deutlich überzeugender gewesen als sich jetzt in Selbstmitleid zu ergehen.

Warum ich hier (auch) blogge

Montag, Oktober 24th, 2011

Die Medialisierung des Militärischen beginnt

Montag, Oktober 10th, 2011

Als eine Kampagne bezeichnet man gemeinhin ein geplantes und koordiniertes Zusammenwirken verschiedener Elemente, um ein vorgegebenes Ziel zu erreichen (Wikipedia sagt dazu u.a. dies). Militärisch spricht man auch vom Gefecht der verbundenen Waffen. Insofern ist die Pressemitteilung des Verteidigungsministeriums, mit der dieses die Live-Schaltung der Webseite wirdienendeutschland.de ankündigt, mindestens ein Euphemismus.

Im Juli hieß es noch, Wir. Dienen. Deutschland. sei die neue Kernbotschaft, nun ist es schon Kampagne. Wie es wohl im kommenden Jahr heißt? Aber wie sagt es Dirk Baecker so schön im Editorial der Revue für postheroisches Management: “Wir handeln intelligenter als wir reden.” Das gilt uneingeschränkt auch für die Bundeswehrkommunikatoren. Dennoch: Es ist gut, dass diese Kampagne nun endlich startet, greift sie doch zentrale Forderungen auf, die in diesem Blog und andernorts wiederholt gestellt wurden.

Im Kern beginnt die Bundeswehr nun mit der dringend gebotenen “Medialisierung des Militärischen.” Diese ist sowohl eine entscheidende Voraussetzung für die Anerkennungvon Soldatinnen und Soldaten als auch zur kompetenten Diskussion darüber, wozu wir als Gesellschaft unsere Streitkräfte einsetzen wollen.

Dieses Thema steht - Achtung, Eigenwerbung - im Mittelpunkt eines Buches, zu dem ich einen Beitrag leisten durfte. Es heißt “Den Krieg erklären.” Herausgegeben haben es Natascha Zowislo-Grünwald, Professorin für Unternehmenskommunikation an der Universität München, Jürgen Schulz, Juniorprofessor für strategische Kommunikationsplanung an der Universität der Künste in Berlin und Detlef Buch, Oberstleutnant der Bundeswehr und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Im Rahmen einer offiziellen Präsentation des Buches findet am 3. November dieses Jahres eine Podiumsdiskussion an der Universität der Bundeswehr in München statt. Dort werden Paul-Anton Krüger von der Süddeutschen Zeitung, Stephan Stetter, Professor für Internationale Politik und Konfliktforschung an der UniBw, Omnid Nouripour, MdB und ich über Sicherheitspolitik als Frage der Kommunikation diskutieren. Details dazu finden sich in der Einladung.

Pragmatischer Realismus

Freitag, September 30th, 2011

Oh, der vergangene Monat muss arbeitssam gewesen sein. Ich habe nicht im Bendler-Blog gebloggt, dafür hat der BendlerBlogger andernorts kommentiert und diskutiert - online wie im Real-Life. Das gute an solchen Pausen ist: Sie verschaffen die Gelegenheit, ein paar der längeren Linien zu erkennen, beziehungsweise das, was man dafür hält. Meine Bewertung: In die sicherheitspolitische Diskussion scheint derzeit ein pragmatischer Realismus einzukehren. Eine Entwicklung, die durchaus im Sinne von Thomas de Maizière ist, womöglich sogar entscheidend durch ihn geprägt wird, was sich an den folgenden Themen zeigt.

1. America the Great

Damals, als zu Guttenberg das K-Wort sprach, war die mediale Aufregung groß, dabei war das, was der damalige Minister sagte, nur eine Bestätigung des Offenkundigen. Als Thomas de Maizière vor zwei Wochen die Strategieunfähigkeit deutscher Sicherheitspolitik im Kontext des geplanten Abzugs aus Afghanistan auf den Punkt brachte, rührte sich kaum etwas - oder habe ich eine Analyse überlesen? “Alles hänge davon ab, was die USA entschieden”, formuliert die Redaktion von ZDFheute. Ja, das ist so. Wir leben konsequent die Westbindung und die einzige Frage, über die die Bundesregierung entscheidet - und über sich die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr Gedanken machen müssen - ist, ob, wo und wie Deutschland bei den Expeditionen der USA mitschießt.

2. Verwaltungsrepublik Deutschland

Im gleichen Maße wie die deutsche Regierung im internationalen Kontext strategieunfähig ist, ist es das Verteidigungsministerium im deutschen Kontext. Der richtigen Forderung, das Ministerium nach Berlin zu verlegen, folgte heftiger Gegenwind aus Bonn. Die kommunikative Aufgabe de Maizières und seines Reformstabes wird es also sein, so zu tun, als bliebe bei der Reform alles so, wie es ist, während quasi in Guerilla-Manier die relevanten Entscheidungen hanstreichartig umgesetzt werden. Helfen könnte dabei die unter anderem hier bei Thomas Wiegold dokumentierte Bräsigkeit der Wehrverwaltung, die Jahre brauch, um Strickmützen zu beschaffen.

3. Veteranen

Die Geschichte der politischen Führung des Militärs könnte dereinst auch als Geschichte der nachholenden Anerkennung geschrieben werden. War es Franz-Josef Jung, der sich irgendwann nicht mehr dagegen wehren konnte, von Gefallenen zu sprechen, ohne auch noch den letzten Rest von Glaubwürdigkeit in der Truppe aufs Spiel zu setzen, profilierte sich sein Nachfolger zu Guttenberg auch dadurch, dass er das, was Soldatinnen und Soldaten seit Jahren in Afghanistan erlebten, nun auch so nannte, wie sie: Krieg. DeMaiziere nun greift nun ein weiteres Thema auf, und spricht von Veteranen.Das ist nicht zuletzt ein Erfolg der Menschen, die sich seit Jahren außerhalb der etablierten Zirkel dafür einsetzen, dass Soldatinnen und Soldaten für das Besondere, das sie leisten auch anerkannt und entsprechend versorgt werden, allen voran die “Truppe” des „Bund Deutscher Veteranen“ um Andreas Timmermann-Levanas.

Und sonst:

Zeigt das Militärhistorische Museum, dass es möglich ist, einen eigenständigen Internet-Auftritt umzusetzen, ohne dass die Wiedererkennbarkeit leidet. Es bleibt zu hoffen, dass die Teilstreitkräfte es schaffen, sich in gleicher Weise optisch vom Ministerium zu lösen. (Und über den beim MHM integrierten Facebook-Button diskutiert derzeit sicher die Rechtsabteilung des BMVg mit Frau Eigner und Herrn Weichert).

Gleichzeitig hat der Konvent der Universität der Bundeswehr in München in einem für deutsche Offiziere (noch) ungewohnten Akt souveräner Selbstbehauptung entschieden, Martin Böcker als Chefredakteur der Uni-Zeitschrift Campus im Amt zu belassen. Mehr als Patrick Bahners in der gedruckten FAZ dazu geschrieben hat, muss derzeit nicht gesagt werden.

Wo sind die Lückenfüller?

Montag, August 29th, 2011

Der scheidende Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, Generalleutnant a.D. Kersten Lahl, hat zu seinem Abschied eine kurze, aber bemerkenswerte Rede gehalten (Hier zum Herunterladen als PDF-Datei). Bemerkenswert sind vor allem die drei Schwachstellen, die er beim Vergleich von Idealvorstellung und Wirklichkeit deutscher Sicherheitspolitik identifizierte: Eine Kommunikationslücke, eine Organisationslücke und eine Strategielücke.

Es liegt in der Programmatik dieses Blogs begründet, sich vor allem der erstgenannten Lücke zu widmen. Hierzu sagte Lahl laut Manuskript:

“Wir haben Lücken in der Kultur eines sicherheitspolitischen Dialoges. Sicherheitspolitik muss, wenn sie nachhaltig verankert sein möchte, „entzaubert“ werden. Sie bindet die Bürger zu wenig ein, die sich hier leider auch nur schwer einbinden lassen. Es fehlt vor allem ein öffentlich ausgetragener und selbstbewusster Diskurs um deutsche Sicherheitsinteressen – und zwar jenseits medienwirksamer Ereignisse von Fall zu Fall.”

Diese Feststellung kann ich nur unterstreichen, wobei ich mir gewünscht hätte, dass der Forderung eine kritische Selbstreflektion vorausgegangen wäre, denn ich erlebe weniger Bürgerinnen und Bürger, die sich nur schwer einbinden lassen, als vielmehr Institutionen, die nicht nur kein Interesse haben, sie einzubinden, sondern im Gegenteil, sie willentlich aus diesem Diskurs ausschließen wollen, wie es unter anderem die Linie des Verteidigungsministeriums dokumentiert, nicht mit Bloggern zu reden.

Wo also sind diejenigen, die bereit sind, die Lücke zu füllen? Ich würde unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) dazu zählen, und dass nicht nur, weil sie mich um einen kurzen Beitrag zu ihrer Veranstaltung “Sicherheitspolitik 2.0 – Einfluss und Bedeutung von Facebook & Co.” gebeten hat. Am kommenden Mittwoch werde ich dort unter anderem mit Dr. Stefanie Babst Deputy Assistant Secretary General for Public Diplomacy der NATO über Sicherheitspolitik in einer durch das Internet geprägten Mediengesellschaft diskutieren.

Ein bemerkenswerter Nebenaspekt: Wie man so aus Berlin hört, hat Stefan Paris, Leiter des Informationsstabes und Sprecher des Verteidigungsministeriums, die Anfrage der DGAP nicht nur abschlägig beschieden, sondern - Stand heute - auch keine andere Angehörige seines Hauses benannt. Soweit zur Frage der Bereitschaft, Bürgerinnen und Bürger einzubinden.In der Netzkultur hat sich dafür ein einprägsames Schlagwort etabliert: #Fail

Jugendpressekongresse - Dazu sagen wir (fast) nichts

Dienstag, August 23rd, 2011

Zugegeben, ich habe nicht damit gerechnet, auf meine Fragen zu den Jugendpressekongressen der Bundeswehr eine substantielle Antwort zu erhalten. Dafür kam sie immerhin schnell, und im Unterschied zu den Antworten zu meinen Fragen zu den Facebookaktivitäten der Bundeswehr, trifft der InfoService Bürgeranfragen diesmal wenigstens keine bewussten Falschaussagen:

“Der BWB (Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung, Anm. des Bendler-Blog) hat im Auftrag des  Presse- und Informationsstabs im BMVg die Leistungen für Jugendpressekongresse im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit für die Jahre 2008 bis 2011 ausgeschrieben und einen entsprechenden Vertrag geschlossen.

In diesem Fall hat die Firma young leaders GmbH in Berlin den Zuschlag erhalten.

Zu den Vertragsbedingungen, der Dokumentation der Kongresse sowie insbesondere der Leistungsumsetzung durch die Firma machen wir Dritten gegenüber keine Angaben. Sie dürfen aber davon ausgehen, dass wir unsere Formate in der Öffentlichkeitsarbeit kennen und fortlaufend evaluieren. Im Rahmen dieser Evaluation achten wir auf die weltanschauliche Neutralität aller Veranstaltungsinhalte im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit des BMVg und der Bundeswehr.

Es versteht sich darüber hinaus von selbst, dass wir zu laufenden Ausschreibungen keine Angaben machen.”

Weil auch die (öffentlicht-rechtlichen) Medien wegen der Einbindung ihrer Redakteure vermutlich nur ein geringes Interesse daran haben, etwas mehr Transparenz in die Sache zu bringen, bleibt nur zweierlei zu hoffen:

1. Die Entscheidungsträger im Verteidigungsministerium kennen, wie die oben stehende Antwort nahelegt, ihre Formate - ein Zustand, der ja bei den Jugendpressekongressen ausweislich der Aussagen des Sprechers des Verteidigungsministeriums bislang nicht der Fall war - und sind durch die öffentliche Diskussion darüber hinreichend sensibilisiert.

2. Eine Institution, gegenüber der die Bundeswehr auskunftpflichtig ist, nimmt sich der Sache an, und stellt die gebotene Transparenz her.

Ben

Freitag, August 19th, 2011

Zum Wochenende etwas Philosophisches. Sehr viele werden den Satz kennen, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings am Amazonas einen Wirbelsturm auf der anderen Seite der Welt auslösen könne. Physikalisch - ich bin kein Physiker - ist das vermutlich so richtig wie falsch. Natürlich hängt auf der Erde (im Weltraum, darüber hinaus) alles mit allem zusammen, aber genau den einen Impuls nachzuvollziehen, dürfte praktisch unmöglich sein.

Warum sagt uns dieser Satz aber dennoch etwas? Vermutlich, weil er darauf verweist, dass alles, was wir in unserem Leben tun und unterlassen, Konsequenzen hat. Ein toller Film, der das dahinter liegende Prizinp (was passiert, wenn) auf den Punkt bringt, ist Lola rennt.

Ich hatte im Mai einen Lola rennt-Moment, und heute ist ein guter Tag, um davon zu schreiben, denn morgen, am 20. August 2011 findet in Mayen die offizielle Feier zum 10-jährigen Jubiläum der Einsatzkameratrupps der Bundeswehr statt. Der EKT ist die Einheit, die ich - gemeinsam mit anderen - gründen und im Jahr 2001 in ihren ersten Einsatz im Kosovo führen durfte. Ich freue mich sehr auf morgen, und bin gespannt, wen ich treffen werde. (Auch, weil ich die Arbeit der EKT, vor allem aber die Art und Weise, wie sie von der übergeordneten Führung der Bundeswehr eingesetzt werden, hier regelmäßig scharf kritisiere).

Doch zurück zum Mai dieses Jahres. Ich war im Auftrag eines Kunden auf der Messe in Düsseldorf. Von dort wollten wir mit einem Partnerunternehmen eine Live-Übertragung via Internet produzieren. Bei diesem Partnerunternehmen hatte ein junger Mann, Ben, gerade seine Ausbildung zum Mediengestalter begonnen. Weil ich in einem Hotel in Neuss wohnte, wo auch Ben lebt, nahm ich ihn abends im Auto mit. Wie es so ist, fragte ich ihn, warum er denn gerade diese Ausbildung gewählt habe. Ben erzählte mir, dass er während seines Wehrdienstes auf die Idee gekommen sei. Weil er in einem Bunker arbeiten musste, und weil das doch arg langweilig war, hatte er einen Vorgesetzen gefragt, ob der nicht eine Alternative wüsste. Der wusste, und fortan tat Ben in einem Casino (Militärdeutsch für Gastronomie) Dienst.

In diesem Casino seien, so erzählte mir Ben, ohne den Begriff zu erklären, auch regelmäßig Soldaten des EKT zu Gast gewesen. Zu erkennen unter anderen an einem auffälligen Abzeichen. Und offenbar war das, was die Kameraden dem jungen Wehrpflichtigen von ihrer Arbeit und ihren Einsätzen berichteten, so überzeugend, dass er über seinen ursprünglichen Berufswunsch Fotograf nachzudenken begann, und sich dann für die bewegten Bilder entschied.

Mit einer Mischung aus Freude, Stolz und etwas Eitelkeit fragte ich Ben, ob er denn wisse, wer den ersten EKT gegründet hatte - eine Frage, die er natürlich unmöglich beantworten konnte -, um ihm dann zu seinem ungläubigen Erstaunen davon zu berichten, wie ich damals im Jahr 2000 im Schnittraum bei Roland einen Anruf aus dem Verteidgungsministerium entgegennahm, dem Anrufer erzählte, was ich über Satellitenübertragungen wusste, wie dann das Bataillon und also auch ich mit der Aufstellung der EKT beauftragt wurden, und was Daniel, Andreas, Jürgen und all die anderen, die ich hoffentlich morgen wiedersehen werde “damals” noch so erlebt hatten, und Ben und ich, waren sehr erstaunt, wie unser beider Leben verbunden sind.

In diesem Sinne: alles Gute zum 10-jährigen an das Dezernat Einsatzkamera (so heisst das wirklich) und alles gute an alle Leserinnen und Leser. Alles, was Ihr tut, kann etwas bewirken, und ich bin sehr dankbar, dass ich das hier auf ganz besondere Weise selbst erleben durfte.

Einige Fragen zu den Jugendpressekongressen der Bundeswehr

Donnerstag, August 18th, 2011

Es ist eine gute Nachricht. Das Verteidigungsministerium will zukünftig dafür Sorge tragen, dass es bei der Ansprache junger Journalisten als Teilnehmer an Jugendpressekongressen als Absender bzw. Förderer genannt wird. Was mich nur stört - das wird auch abgestellt -, ist: Wenn man solche Veranstaltungen mit gutem Recht finanziell unterstützt, kann man das auch deutlich machen. Ganz einfach. Das werden wir in Zukunft tun.” sagte Ministeriumssprecher Stefan Paris bereits in der Regierungspressekonferenz am 18. Juli. “Tarn-PR gestoppt” meldet das Branchenblatt prmagazin. Warum sich die kritikwürdige Praxis in den vergangenen 20 Jahren aber überhaupt etablieren konnte, vermochte er nicht zu erklären.

Wenn man sich dem Thema und insbesondere dem Veranstaltungsformat etwas näher widmet, findet man durchaus weitere Merkwürdigkeiten, so dass es sich durchaus lohnt, weitere Fragen zu stellen. Grundsätzlich lassen sich dabei drei Fragekomplexe gegeneinander abgrenzen:

1. Organisation der Jugendpressekongresse durch das Unternehmen Young Leaders GmbH

2. Beteiligung von Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bzw. privater Medien

3. Verwendung der im Rahmen der Jugendpressekongresse produzierten Medien

Während im Netz und insbesondere auf Seiten der Bundeswehr zahlreiche positive Berichte über die Veranstaltung zu finden sind, scheint der Jungjournalist Juri Auel von seiner Teilnahme am Jugendpressekongress 2009 in Stralsund eher enttäuscht zu sein. “Mehr Propaganda als Presse-Seminar” hat er seinen Erlebnisbericht in der Oberhessischen Zeitung überschrieben. Darin hinterfragt er nicht nur die grundsätzliche Methodik, die in seinen Augen den Teilnehmenden nicht mehr als eine Statistenrolle lässt, sondern vor allem, ob und wenn ja, welchem Leitgedanken die Veranstaltung wohl folge, wenn der Veranstalter in einem Vortrag zu Zukunftsstrategien für das 21. Jahrhundert angeblich problematische Formulierungen verwendet. Es mag durchaus sein, dass der junge Kollege Auel da etwas falsch verstanden hat, dann wäre es aber höchste Zeit, dass ihm bzw. dem Verlag hier jemand presserechtlich entgegen tritt.

Nachtrag: Diese Zeit ist nun offensichtlich gekommen, denn Werner hat inzwischen eine einstweilige Verfügung gegen die Verlagsgesellschaft Vogelsberg erwirkt. Der Artikel ist nicht mehr verfügbar, und ich komme der Bitte nach, die streitbefangenen Äußerungen nicht mehr zu zitieren.

Das Thema “Zukunftsstrategien für das 21. Jahrhundert” jedenfalls scheint nicht nur im Rahmen der Bundeswehrveranstaltungen kompatibel zu sein. So arbeit die Young Leaders GmbH auch  für die Stiftung politische und christliche Jugendbildung , bei der Werner offenbar mit einem ähnlichen Sprechtext auf die jugendlichen Teilnehmer zugeht - gewürzt mit allgemeiner konservativer Kulturkritik, wie ein Text des Teilnehmers Niklas Kleinwächter dokumentiert.

„Es ist schade, dass man heute mit den jungen Leuten nicht mehr das machen kann, was man zu unserer Zeit noch konnte. Aber wir müssen nun einmal mit dem arbeiten, was an Voraussetzungen da ist. Die schulische Bildung ist noch schlechter geworden als sie es früher schon war – da können die Schüler ja aber nichts dafür“, kritisiert young leaders Chef Werner im Rahmen der Akademie.

Wer sich die Mühe macht und sich durch die Fundstellen im Netzt liest, erkennt leicht, dass Werner und seine Young Leaders-Veranstaltungen eher in der konservativen Ecke des politischen Spektrum zu Hause zu sein scheinen - und damit doch den ein oder anderen Teilnehmer nachhaltig irritieren. Nun ist eine konservative Haltung eine schlechte Voraussetzung für eine Tätigkeit für die Bundeswehr, selbst wenn an der Universität der Bundeswehr in München unlängst konservative Gedanken klar und deutlich als unerwünscht gebrandmarkt wurden - zumindest wenn sie in der Campus, der Zeitschrift der Studierenden veröffentlicht werden, deren neu gewählter Chefredakteur selbstbewusst und freimütig über seine journalistische Tätigkeit unter anderem für die Junge Freiheit spricht, was scheinbar irgendwelche Grenzen der gedanklichen Hygiene verletzt. (Zu diesem “Fall” hat Patrick Bahners in der FAZ alles nötige geschrieben.)

Aber zurück zu unserem Stück, den vom Verteidigungsministerium geförderten Jugendpressekongresse, deren grundsätzliches Konzept sich wie folgt rekonstruieren lässt:

Ein Unternehmen bzw. ein Ministerium beauftragt die Young Leaders GmbH mit der Durchführung eines Kongresses und sichert die Finanzierung zu. Die Young Leaders GmbH spricht junge, publizistisch tätige Menschen an und läd sie ein. Gleichzeitig versichert sich die Young Leaders GmbH der Dienste von professionellen Journalisten, die für die Schulung ihrer jungen Kollegen vergütet werden. Folgt man der Einschätzung von mit der Organisation vertrauten Personen, zeichnet sich die Young Leaders GmbH dabei durch eine recht hohe personelle Fluktuation sowie einen bemerkenswert hohen Anteil von Praktikanten bzw. Projektbeschäftigten aus. In Verbindung mit den oben genannten Quellen ergeben sich daraus unter anderem folgende Fragen:

Organisation

1. Gibt es eine vollständige Dokumentation der Veranstaltungen bzw. der Redebeiträge, an der sich bspw. die Behauptungen aus der Oberhessischen Zeitung nachvollziehen bzw. widerlegen lassen?

2. Falls nein, ist eine solche Dokumentation für die Zukunft geplant.

3. Stellt das Verteidigungsministerium eine weltanschauliche Neutralität der Inhalte sicher? Wenn ja, wie?

4. Welchen Einfluß hat das Verteidigungsministerium auf die Mitarbeiter der Young Leaders GmbH, die ja als Repräsentanten des Ministeriums und der Institution Bundeswehr auftreten, bspw. bei der Personalauswahl und Schulung? Gibt es dazu verbindliche Regelungen, bspw. Schulungsunterlagen, Vorgaben zur Vergütung der Mitarbeiter (tarifliche Bindung)?

5. In welchem Umfang unterstützt das Verteidigungsministerium die Organisation der Jugendpressekongresse (Personal, Material, Infrastruktur, Transport) und welchen Wert haben diese Leistungen in Euro?

Beteiligung von Journalisten

6. Welche Sender bzw. Medien haben die Jugendpressekongresse der Bundeswehr bislang durch die Entsendung von Journalisten unterstützt?

7. In welchem Arbeitsverhältnis stehen die Journalisten, die die Teilnehmer der Jugendpressekongresse ausbilden, zu den Sendern, Medien und Verlagen, die sie repräsentieren (freie, fest-freie oder feste Mitarbeiter)? Wie lassen sich die Journalisten der bisherigen Kongresse nach diesem Status ausfschlüsseln?

8. Wie hoch ist die Vergütung der Journalisten, die die Teilnehmer der Jugendpressekongresse ausbilden?

Verwendung der Medien

9. Welche Medien werden im Rahmen der Jugendpressekongresse produziert? Welche inhaltlichen Vorgaben gibt es dazu von Seiten der Bundeswehr und wie wird deren Einhaltung überprüft?

10. Werden diese Medien im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit und/oder Nachwuchsgewinnung der Bundeswehr eingesetzt? Wenn ja, wo, und in welcher Form wurde/wird dieser Einsatz dokumentiert?

11. Welche Rechte werden den Autoren der Beiträge (sowohl Teilnehmer als auch Ausbilder) eingeräumt, oder werden die Rechte komplett abgetreten, wenn ja an wen, die Bundeswehr oder die Young Leaders GmbH?

12. Ist bereits eine Entscheidung über die Auftragsvergabe für die zukünftigen Jugendpressekongresse gefallen und wie beabsichtigt das Verteidigungsministerium sicherzustellen, dass der zukünftige Auftragnehmer die zugesagte Absenderklarheit einhält?

Die vorstehenden Fragen habe ich im Rahmen einer offenen Recherche auch heute adem Verteidigungsministerium gestellt, und darum gebeten, sie bis zumEnde der kommenden Woche zu beantworten.

Unabhängig von diesen Antworten, überwiegt bei mir zur Zeit der Eindruck, dass sowohl das Konzept an sich als auch die bisherige Umsetzung der Jugendpressekongresse eine Reihe von Unklarheiten beinhalten, die in Summe geeignet sind, das Vertrauen in die Instituition Bundeswehr eher zu untergraben als zu festigen.